Wenn die Molli schnauft

Das Pressefachgeschäft Gellendin in Bad Doberan ist am Zuge.
Bad Doberan liegt nicht nur in einer schönen Umgebung nahe der Ostsee, Bad Doberan ist selbst eine Reise wert. Und das liegt mit an einer Bahnstation. Was allein noch keine Sensation ist, aber in Bad Doberan beginnt und endet die Strecke der berühmten Molli. Molli ist nun beileibe kein gewöhnlicher Zug, sondern eine stilvolle Eisenbahn, die mit Dampf und allem was dazugehört, vor allem mit lautem Klingeln, durch die Gassen der kleinen Kurstadt schnauft. Und sie schnauft mehrmals täglich auch am Pressefachgeschäft Gellendin vorbei. pr_06_1997_1Nur wenige Meter liegen zwischen den Gleisen und den Schaufensterscheiben, was räumlich gesehen einen Direktverkauf am Zug ermöglichen würde. Doch trotz aller weitreichenden Pläne: einen Zugverkauf haben Joachim und Karin Gellendin dabei nicht vorgesehen. Dafür gibt es im eigenen Ladengeschäft mehr als genug zu tun. Achtzig Prozent Stammkundschaft wollen bedient und beraten werden. Nicht allein im Zeitschriftenbereich, sondern auch bei Lotto und Papier- und Schreibwaren. Ein wenig untypisch ist lediglich, daß Tabak und Zigaretten nicht zum Angebot gehören. Das allerdings hat gute Gründe, denn gerade in der Anfangszeit waren Rauchwaren ein beliebte Beute bei Einbrechern und die Versicherungsprämien dementsprechend hoch. „Außerdem bin ich selbst Nichtraucher. Weshalb hätte ich das Rauchen also unterstützen sollen?“, so Joachim Gellendin. Aus diesem Grund fiel der Zuschlag, als über die Erweiterung des Geschäftes nachgedacht wurde, auf Papierund Schreibwaren. Denn nicht immer standen wie jetzt hundert Quadratmeter an Verkaufsfläche zur Verfügung. Die erste Zeit, nachdem Karin Gellendin das Lottound Toto-Geschäft von ihrer Mutter übernommen hatte, stand ganz im Zeichen der Wende. pr_06_1997_2Die ersten Zeitschriften wurden mit Wartburg und Hänger aus Schwerin geholt und fanden meist nicht einmal den Weg bis in den Laden selbst. Der erste Ansturm war so groß, daß der Verkauf gleich auf der Straße erfolgte. Gern erinnert sich Joachim Gellendin noch an die Schlangen, die sich vor seinem Geschäft gebildet hatten und die er irrtümlich dem benachbarten Bäcker zuordnete. 1991 erfolgte der Umbau des ursprünglich zwölf Quadratmeter großen Geschäftes. Neben den Papier- und Schreibwaren wurde auch das Presse-Sortiment auf 1070 Titel erweitert. Sechs Jahre später weist der Blaue Globus auf den Facheinzelhandelsbetrieb hin. Doch für Karin und Joachim Gellendin war das noch kein Anlaß, sich zurückzulehnen. „Immer den neuen Trends auf der Spur sein,“ ist das Motto des engagierten Ehepaares. Und der neue Trend lautete in diesem Fall: Basteln. Im März diesen Jahres eröffnete Karin Gellendin einen kleinen Laden mit Bastelbedarf in unmittelbarer Nähe zum Hauptgeschäft. Was allerdings eher einer Notlösung gleicht, denn erklärtes Ziel ist es, Presse, Papierwaren und Bastelbedarf unter einem Dach zu vereinen. Platz zum weiteren Aus- und Umbau im Bereich des eigenen Pressegeschäfts wäre zweifellos genug vorhanden, doch scheitert das Bauvorhaben nicht an der mangelnden Bereitschaft des Ehepaares, sondern schlichtweg an einem Gutachtenstreit der Versicherungen. Bei Baumaßnahmen am Nachbargrundstück wurde nämlich der Giebel des Gellendinschen Hauses so stark beschädigt, daß nicht nur die beiden einliegenden Wohnungen geräumt, sondern die geplanten Umbaumaßnahmen, für die bereits eine Baugenehmigung vorliegt, sofort gestoppt werden mußten. pr_06_1997_3Da sich die betroffenen Versicherungen nicht einig werden können, wer für den Schaden aufzukommen hat, sind Joachim Gellendin die Hände gebunden. „Schlimm ist, daß ich bereits von mehreren Seiten auf den schlechten Zustand meines Hauses angesprochen wurde.“ Denn in der Molli-Straße wird kräftig renoviert und restauriert. Aus diesem Grund entschloß sich Gellendin, in die Offensive zu gehen: Im Fenster des oberen Stockwerks prangt nun seit kurzem gut sichtbar ein Plakat, das auf das Dilemma des Versicherungsstreites hinweist und die Ohnmacht des Besitzers dokumentiert; eine Aktion, die auch von der örtlichen Presse begleitet wird. Wie lange sich der unerfreuliche Streit noch hinziehen wird, ist ungewiß. Das Tagesgeschäft beeinflußt er jedoch nicht, denn hier bestimmen die Kunden und nicht zuletzt die Molli die Regeln. Der Zug spielt insofern eine nicht ungewichtige Rolle, da er Touristen nach Bad Doberan bringt. Die Saison beginnt im Mai und endet im September; allerdings sind die Auswirkungen nicht mehr so deutlich spürbar, wie noch zu Zeiten vor der Wende. „Die Fahrpreise sind viel teurer geworden,“ so Gellendin, „und bei der steigenden Arbeitslosigkeit können sich immer weniger Urlauber und Einheimische die Reise nach Kühlungsborn und zurück leisten, vor allem, wenn es sich um Familien handelt.“ pr_06_1997_4Doch Zeitungen und Zeitschriften aus anderen Bundesländern stehen pünktlich zu Saisonbeginn zur Verfügung. Und werden nach wie vor gekauft. Denn an Presse, so ist die Erfahrung von Joachim Gellendin, wird trotz allem erst ganz zuletzt gespart.

 Geschäftsbezeichnung:  Presse-Fachgeschäft mit Lotto und Schreibwaren
 Inhaberin:  Karin Gellendin
 Lage:  Stadtzentrum
 Mitarbeiter:  Eine Teilzeitkraft, zwei Aushilfen
 Anzahl der Titel:  1.070
Kundenfrequenz: ca. 450
 Verkaufsfläche:  200 Quadratmeter
Präsentationsfläche: 65 Bordmeter, Zusatz-Säulen
 Öffnungszeiten: Mo. bis Fr. 8.00 – 13.15 Uhr
und 14.15 – 18.00 Uhr.
So. 8.00 – 12.00 Uhr
Während der Saison durchgehend geöffnet

Quelle: Presse Report, Juni 1997, Seite 16/17