Ohne ihn gäb‘ es morgens am Kiosk nichts zu lesen

Grossist aus Leezen versorgt 923 000 Mecklenburger mit Lesestoff

WochezeiLeezen · Schon am frühen Morgen liegt am Kiosk die neueste Zeitung aus, daneben Illustrierte, Programmzeitschriften, sogar Groschenromane und Comics. Jeden Tag versorgt Udo Koska als Grossist von Leezen aus 923 000 Westmecklenburger mit Lesestoff in den Regalen.SVZ972

Udo Koska zeigt auf die Landkarte: Von der Elbe bis Rostock versorgt der Presse-Vertrieb Mecklenburg West die Leser mit über 200 verschiedenen Titeln. (Fotos: Klawitter) „Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern“, lacht Udo Koska, geschäftsführender Gesellschafter des Presse-Vertriebes Mecklenburg West in Leezen bei Schwerin. Dem Grossisten zwingen die Presseerzeugnisse ihren Rhythmus auf. Er muß die Versorgung der Zeitschriftenläden, Kioske und anderen Verkaufsstellen sicherstellen, jeder Leser, der nicht abonniert, ist automatisch sein Kunde.
Zunächst wird die „Buntware“ sortiert, Illustrierte, Programmzeitschriften, Fachpublikationen, aber auch Groschenromane, Comics und vereinzelt sogar schon CD-ROM und Videokassetten. Wenn dann in den frühen Morgenstunden um 1.45 Uhr die druckfrischen Tageszeitungen angeliefert werden, muß alles sehr schnell gehen. Binnen einer Stunde werden 39 Touren zusammengestellt, 1.488 Einzelhändler sind zu versorgen, über 5.500 Kilometer werden dafür am Tag zurückgelegt.
Das Grosso-Gebiet der Gesellschaft erstreckt sich von der Elbe bis nach Rostock, 923.000 Westmecklenburger auf einem Gebiet von über 10.000 Quadratkilometern.

1989 mit nur einer Zeitung begonnen

„Am 6.12.1989 haben wir mit vier Mitarbeitern in einem kleinen Ladenlokal in der Schweriner Apothekerstraße begonnen. Angeliefert wurde durch ein Fenster.“ Udo Koska erinnert sich, daß er und seine Mitarbeiter anfangs lediglich den „Mecklenburger Aufbruch“ vertrieben; die Konkurrenz durch die Post und andere kleine Vertriebsfirmen war stark.
Allerdings entschieden sich Udo Koska und seine Leute sehr früh für das Tageszeitungsgeschäft und erarbeiteten sich dort den entscheidenden Vorsprung. 1990 belieferten sie in Schwerin beispielsweise 25 Einzelhändler mit der SVZ, inzwischen sind es hier annähernd 300, und auch die Verkaufszahlen der Zeitung haben sich mehr als verzehnfacht.

Donnerstag ist für Verlage Stichtag

SVZ973Unverkaufte Exemplare werden automatisch erkannt und den Händlern gutgeschrieben.

Heute ist der Grossist Koska konkurrenzlos, vertreibt mit 83 Mitarbeitern in der Woche 1.245.000 Zeitungen und Zeitschriften; hinzu kommen etwa 350.000 Rücklieferungen nicht verkaufter Exemplare samt Erfassung, Gutschrift und Wochenrechnung für die Verlage. Spätestens am Donnerstag müssen die Daten der Vorwoche vorliegen, damit die Verlage ihre nicht im Abonnement, sondern frei verkauftenAuflagenzahlen erneut anpassen können.
Der Grossist ist nicht einfach nur ein Großhändler, er erfüllt eine wichtige Funktion des Presserechts: „Bei allen Nachfrage-Schwankungen darf ich keinen Ausverkauf riskieren, prinzipiell muß jeder Titel stets erhältlich sein“, so Udo Koska. Also hat das junge Unternehmen in den letzten Jahren zahlreiche Statistiken erarbeitet, hat im Sommer den Urlauberansturm an die Ostsee erforscht und sogar Material über die Ausnutzung verfügbarer „Regalzentimeter“ in den Verkaufsstellen gesammelt. Inzwischen sind sogar Grossisten der alten Bundesländer auf die Organisation in Leezen aufmerksam geworden.
Mit dem Aufbau eines zweiten Vertriebszentrums in Roggentin bei Rostock hat das Unternehmen seine beherrschende Stellung in der Region dokumentiert. Und doch, Überraschungen gehören zum Presse-Geschäft immer dazu: Beim tödlichen Unfall von Lady Di nützten alle Statistiken und Erfahrungen nichts, Auflagenzahlen und Anlieferungszeiten kamen gründlich durcheinander. Nur durch zusätzlichen Einsatz der Mitarbeiter kamen noch alle Hefte rechtzeitig in die Regale. Udo Koska: „Nicht die Statistiken aus dem Computer, unser engagiertes, junges Team ist unser größtes Plus.“

Arne Grävemeyer


Stichwort

Grossist wahrt Pressefreiheit

Nach einem Beschluß des DDR-Ministerrates wird seit dem 16. Mai 1990 auch in den neuen Bundesländern der Pressevertrieb nach dem Vorbild der alten Bundesrepublik organisiert. Der Postzeitungsvertrieb, bis dahin im Monopol, wurde durch die Grossisten abgelöst.
Das Presse Grosso gilt als Bindeglied zwischen Verlagen und Einzelhandel und regelt die Verteilung der Presse-Erzeugnisse, die nicht im Abonnement zugestellt werden.
Bundesweit bestehen etwa 100 Grosso-Gebiete, nur in wenigen Bevölkerungszentren arbeiten zwei Grossisten für unterschiedliche Verlage nebeneinander. Der Grossist ist in seiner Tätigkeit durch die Pressefreiheit des Grundgesetzes geschützt.
Er muß als neutraler Sachverwalter die flächendeckende Erhältlichkeit von Presseprodukten gewährleisten; trotz schwankenden Leserinteresses darf er den Ausverkauf einzelner Titel über lange Frist nicht zulassen, alle müssen stets bereitliegen.

 

Quelle: 25. September 1997, Schweriner Volkszeitung, Seite 8