Duett gab’s nur unter dem Ladentisch

Der Tabakwarenladen in der Breiten Straße wurde vor 50 Jahren eröffnet. Seit vielen Jahren betreibt Werner Nitz das Geschäft mit Zigaretten und Pfeifen.

Von MARTINA PLOTHE

oz_02_2005_1 oz_02_2005_2Stadtmitte. Als er mit einer Hand voll Strolchen in den 50er-Jahren Unterlegscheiben im Geldschlitz des Zigarettenautomaten in der Breiten Straße versenkt, ahnt Werner Nitz nicht, dass das Tabakwarengeschäft an der Ecke zur Langen Straße quasi sein weiteres Leben bestimmen soll. Genau genommen beginnt die Verknüpfung des Namens Nitz mit der Langen Straße bereits in den 20er-Jahren, als seine Mutter Trude hier die Bank einer privaten Seminar-Übungsschule drückt. Acht Jahre nach Kriegsende wird auf dem beräumten Trümmerfeld zwischen Marienkirche und Kino der Grundstein für die neue Bebauung der Langen Straße gelegt – und zwar an der heutigen Ecke zur Breiten Straße. Zwei Jahre später ist die Häuserzeile fertig; am 16. Februar 1955 eröffnet die DDR-Handelsorganisation (HO) in der Hausnummer 11 einen Tabakladen. Ein Jahr darauf muss sich Werner Nitz seine Späßchen mit dem Automaten dauerhaft verkneifen: Trude Nitz wird in dem Geschäft für drei Jahrzehnte Verkaufsstellen- leiterin.
Ihren Sohn indes lässt der Tabakladen zunächst kalt: Er lässt sich im Dieselmotorenwerk zum Motorenbauer ausbilden. Auf der Gewerkschaftsschule in Radebeul lernt er seine Andrea kennen; sie „hat im Handel gelernt“. 1974 heiraten die beiden, die Töchter Antje und Annett komplettieren die Familie. Als Trude Nitz Rentnerin wird, leitet ihre Schwiegertochter Andrea die HO-Verkaufsstelle – bis zur Wende.
„Das Sortiment war winzig“, erzählt Andrea Nitz, die sich noch deutlich der zehn DDR-Zigarettensorten entsinnt, die es oft nur auf Zuteilung gab – neben Semper, Kabinett oder Club waren Salem rot und gelb darunter, Turf, Karo und der filterlose Vorgänger der F6 namens F56. „Duett gab es nur unter dem Ladentisch“, schmunzelt die 53-Jährige, die ganze drei Sorten Tabak und drei Arten Pfeifen führte: drei Mark kostete die billigste, 78 die teuerste. Immerhin sei ihr Geschäft das einzige weit und breit gewesen in dem Havanna-Zigarren zu haben waren. „Die meisten wurden an die zum Währungstausch verpflichteten Westtouristen verkauft“, erinnert sich Andrea Nitz.
Ihr Ehemann steigt 1993 ins Geschäft ein und entgeht auf diese Weise den Montagereisen durch ganz Deutschland. Zwei Jahre zuvor hatten die Nitzens ihren Laden aus dem Vermögen der Treuhand gekauft – der Preis für die Warenbestände, die denkmalgeschützte Ladeneinrichtung und der „Obolus an die Treuhand“ waren sofort in bar fällig. Kredite gab es nicht, weil der Mietvertrag der Wiro für das Geschäft anfangs auf ein Jahr befristet war. Zudem musste der marode Ladentisch erneuert werden: Beim Möbeltischler Böckenhauer in Groß Upahl ließen sie nach alten Unterlagen ein Exemplar originalgetreu nachbauen. „Der Anfang war hart“, bekennen die beiden, die zu Beginn der 90er für zehn Jahre zunächst ein weiteres Geschäft am Saarplatz eröffnen, später folgen eines im Ostsee-Park und jenes im Rostocker Hof: Die Töchter stiegen nach ihren Ausbildungen im Außen- und Einzelhandel in den insgesamt elfköpfigen Familienbetrieb ein.
Gehandelt wird inzwischen mit etwa 200 Zigarettenmarken, mit über 100 Sorten Pfeifentabak und mehr als 400 Zigarrillo- und Zigarrenmarken. Neben diversem Zubehör gehören auch Zeitschriften, Fahrscheine und Lotto zum Sortiment. Allein den Laden in der Breiten Straße frequentieren täglich um die 800 Käufer – etliche von ihnen sind Stammkunden, die gratulieren werden, wenn die Nitzens am 16. Februar das 50. Jubiläum ihres Geschäftes feiern.

Quelle: 12. / 13. Februar 2005, OSTSEE-ZEITUNG, Seite 15